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 Aus: DER VERHINDERTE DIALOG, meine politische Exmatrikulation


Expedition ins Reich der Stasi
Rezension aus der Berliner Zeitung vom 29. Mai 1997

Im Buch "Der verhinderte Dialog" beschreibt Siegfried Reiprich das Jena der Siebziger

Von Lutz Rathenow





Das Material, das Siegfried Reiprich in seinem Buch "Der verhinderte Dialog" ausbreitet, würde sich sich bestens für eine CD-ROM eignen. Da könnte jeder selbst entscheiden, ob er sich erst die notierten Gespräche vornimmt, oder gleich den Schilderungen des Autors zuwendet, ob er kopierte Aktenteile betrachtet oder sich zu den Randbemerkungen durchzappt. Als experimentierfreudiger Wissenschaftler hätte Reiprich allerhand zu bieten, was die siebziger Jahre in Jena anschaulich macht. Da seine Freunde und Bekannte aber immer noch Bücher lesen, hat er ein Buch über einen pfiffigen, jungen Mann in Jena geschrieben, der sein Philosophiestudium abbrechen muß, Bahros "Alternative" nach Rundfunkmitschnitt in die Schreibmaschine tippt, konspirativen Kontakt zum Sozialistischen Büro in Frankfurt am Main hält (den die Stasi nicht mitbekommt) oder mit Freunden und algerischen Gastarbeitern Fußballspiele organisiert.

Zu dieser Zeit ist Reiprich schon als Arbeiter in der Glasherstellung tätig und spürt erste gesundheitliche Schäden durch extreme Arbeitsbedingungen. Seine guten Kontakte zu den Algeriern werden staatlicherseits mißtrauisch beäugt. Unterleutnant Eidner meldet 1978 Unklarheiten, ob Reiprich diese zu negativen Verhaltensweisen (zum Beispiel massive Forderungen gegenüber der Werksleitung) beeinflusse. Mehr kann er nicht melden, denn keiner der Arbeiter läßt sich von der Staatssicherheit anwerben. Der Brigadier liefert geschönte Berichte.

Das alles liest sich ein wenig verwirrend für den, der rasch den politischen Extrakt konsumieren will. Aber gerade die Störungen, Sprünge und aktuellen Anspielungen machen das Buch reizvoll. Kann das alles wahr sein, was dieser Mensch in Jena erlebt haben will? Wolf Biermann, Jürgen Fuchs, Robert Havemann als ganz normale Bezugspersonen. Zwei Jahre existiert ein agiler, DDR-weit wirkender "Arbeitskreis Literatur". Dann ein konspirativer Lesekreis, der sich um eine konsequente politische Opposition kümmert. Das führt zu Verhaftungsplänen staatlicherseits. Und Siegfried Reiprich reist doch aus nach West-Berlin.

Gerade erregte Tina Rosenberg mit ihren Anmerkungen zu den Nachwirkungen osteuropäischer Vergangenheit kontroverse Aufmerksamkeit. Klug geschilderte Beobachtungen auf unsicherem historischen Fundament. Gefühle statt Fakten, zumindest was Deutschland angeht. Ursache der ständigen historischen Schnitzer bei ihr ist eine eklatante Unkenntnis der Geschichte oppositioneller Aktivitäten in der DDR. Tina Rosenberg geht eigentlich davon aus, daß es keine in erwähnenswertem Umfang gab - womit sie nicht alleine steht.

Siegfried Reiprichs Leben vollzog sich aber gerade in so einem Bereich. Insofern gerät das kleine Buch zu einer Ergänzung zum Wälzer von Tina Rosenberg. Er ermöglicht eine Expedition in das unbekannte Land: Sozialismus mit Jenaer Antlitz. Stoff für Diskussionen, zeitgeschichtliche Forschungen oder ein paar Stunden anregende Lektüre.

Siegfried Reiprich: "Der verhinderte Dialog. Meine politische Exmatrikulation, Prosa und Dokumente". Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 1997. 160 Seiten, 14,90 DM.

Heute um 20 Uhr liest Siegfried Reiprich im Georg-Büchner-Buchladen, Wörther Straße 16, in Prenzlauer Berg aus seinem Buch.


©Berliner Morgenpost 1997
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