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 Zu den Mechanismen ideologischer Disziplinierung an DDR-Universitäten

Vorbemerkung | I. Hintergrund: die Universitätsstadt Jena | II. Die Sektion Marxistisch-Leninistische-Philosophie der... | III. Gesinnungverbrechen zum ersten - Aufspüren: Äußer... | IV. Gesinnungsverbrechen zum zweiten: "Aussprache", schri... | V. Gesinnungsverbrechen zum dritten: Disziplinarausschuß... | VI. Nachbearbeitung durch SED&MfS | Quellen

VI. Nachbearbeitung durch SED&MfS
Schon vor den geschilderten Auseinandersetzungen an der Universität hatte das MfS meine Person im Rahmen des OV "Pegasus" in´s Visier genommen. In der unruhigen Zeit der Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung, als Jena für die SED und MfS zum ideologischen Notstandsgebiet geworden war, plante die Stasi u.a. auch meine Verhaftung. Auch den Doctores der ehrwürdigen Friedrich-Schiller-Universität, Berg und Höfer muß klar gewesen sein, daß es darum ging, jemandem den politischen Prozeß zu machen, als sie am 6. und 7. Dezember '76 als Zeugen beim Untersuchungsorgan MfS aussagten.

[Dokument 3, Faksimile Vernehmungsprotokoll Dr. Berg]

Doch sie taten nicht nur nichts, um die Vorgänge an der Sektion Philosophie vor einem Dreivierteljahr etwa als Meinungsverschiedenheiten mit einem suchenden jungen Menschen darzustellen, sondern sie bliesen sie zu Haupt- und Staatsaktionen auf. Aus dem OV Opponent OV Opponent, Bd. XII, Bl 457 ff.:

"Im Ergebnis mußte ich feststellen, daß REIPRICH in allen Fragen einen verhärteten Standpunkt vertritt, der in grundsätzlichen Punkten mit der Grundlinie der Beschlüsse von Partei und Regierung im Widerspruch steht und unserer sozialistischen Ordnung Schaden zufügt... Im Verlauf der Diskussion gab er ein offenes Bekenntnis zu DUBZEK ab und sprach sich gegen die Hilfeleistung der sozialistischen Bruderarmeen 1968 in der CSSR aus. Für mich vertrat REIPRICH hier offen und aktiv die Konterrevolution, und ich bezeichnete ihn als einen ideologischen Vertreter davon."

Und, sozusagen unter Genossen, plauderte er auch aus, wer die Denunziantin war, die den Stein in's Rollen gebracht hatte:

"Durch die Studentin STREHLE, Petra wurde mitgeteilt, daß REIPRICH im Lyrikclub in Jena-Lobeda provokatorisch gegen Stadtrat MOSER aufgetreten sei...".
Die Absolventin Petra Strehle soll als hauptamtliche Kulturschaffende im Singeclub "Gruppe 49", der die DDR auch im westlichen Ausland repräsentieren durfte, untergekommen sein.
Kaum milder als Berg formulierte Höfer, er wittert einen Unterwanderungsversuch:

"Da ich selbst einige Lehrveranstaltungen... hielt, fiel mir nach einiger Zeit auf, daß REIPRICH über dem damaligen Niveau der Gesamtheit der Studenten liegende Kenntnisse in Marxismus/Leninismus besaß. Schon zur damaligen Zeit stellte er in verschiedenen Lehrveranstaltungen provokatorische Fragen, die zwar geschickt verkleidet waren, aber mit unserer Auffassung zu Marxismus/Leninismus nichts mehr zu tun hatten... Erst nach der FDJ-Wahlversammlung im Oktober 1975 wurde klar, was REIPRICH mit seinem Verhalten erreichen wollte. Er trat dort sehr offensiv auf und erreichte auch, daß eine andere Genossin als FDJ-Sekretär gewählt wurde. Von ihr erhoffte er sich sicherlich, daß sie besser in sein 'Linie' passen würde. In der Folgezeit führte REIPRICH eine Reihe von Diskussionen mit verschiedenen Studenten, um Anhänger zu gewinnen."

Warum auch immer ich im Winter 76/77 nicht verhaftet wurde - den Herren Staatsphilosophen hatte ich es gewiß nicht zu verdanken.

Die Stasi blieb am Ball und versuchte, im "VEB Otto-Schott&Genossen" vergeblich Arbeiter als Spitzel gegen die Vorgangsperson zu gewinnen, mußte jedoch im Halbjahresbericht immer wieder feststellen: "Reiprich konspiriert seine Kontakte und Aktivitäten gut". Man befürchtete Rückverbindungen des R. in die alte Seminargruppe. Dort mit IMS "Sascha", alias H.J. Obst, alias H.J. Erhardt einen Stützpunkt zu haben, genügte nicht. Aus dem Operativen Vorgang "Opponent, Bd. XII, Blatt 120 ff.:

" Bericht über eine Aussprache mit der Philosophiestudentin W., Helga am 19.01.1978
Die W. wurde in ihrem Wohnheim unter der Legende, daß Unterzeichner ihr Grüße von ihrer Schwester... übermitteln will angesprochen.

Unter vier Augen wurde der W. mitgeteilt, daß Unterzeichner Mitarbeiter des MfS ist und sie um eine Aussprache bitte. Die W. sagte sofort zu und fuhr mit Unterzeichner im Kfz nach Stadtroda.

...Unterzeichner bat die W., über die Vorgänge (Frühjahr 1976 - S.R.) um REIPRICH aus ihrer Sicht zu berichten. Die W. stellte dazu unter anderem dar:

- der Antrag zur Exmatrikulation des R. wurde zunächst von keinem in der Seminargruppe verstanden (die W. eingeschlossen), da R. als fähiger Student bekannt war, durch seine Umgangsformen, seine rezitatorischen und musischen Fähigkeiten und seine Ausstrahlungskraft bei allen geachtet war...

- R.'s kristisches Verhalten zu bestimmten politischen und ideologischen Problemen wurde zwar registriert, jedoch sah darin niemand eine negative oder feindliche Einstellung zu unserer Gesellschaftsordnung...

- erst nachdem nach einigen Aussprachen der Sektionsleitung mit R. auch der Inhalt einiger Gedichte des R. in der Seminargruppe bekannt wurde, begannen viele den Sinn seiner Einstellung zu begreifen...

- die meisten Seminargruppenmitglieder distanzierten sich von der politischen Einstellung des R.

- da jedoch nur sehr wenige Informationen über alle Zusammenhänge mit R. verbreitet waren, herrsche eine gewisse Unsicherheit bei den Studenten und einige haben wahrscheinlich nur aus der Einstellung, nicht aufzufallen, heraus für eine Exmatrikulation des R. gestimmt.

- als einzige sei die Sylvia LENGAUER gegen die Exmatrikulation gewesen...

Die W. schätzt ein, daß heute keiner mehr von REIPRICH spricht...

Zur Situation innerhalb der SG (Seminargruppe - S.R.) sagt die W., daß man nicht von einem sozialistischen Studentenkollektiv sprechen kann, jeder mehr oder weniger allein versucht, mit dem Rücken an die Wand zu kommen...

Im Rahmen des Gesprächs mit Unterzeichner deutete die W. an, daß sie im Moment Schwierigkeiten mit ihrem späteren beruflichen Einsatz habe. Sie habe kein Interesse an einer reinen Universitätslaufbahn... Die W. bat Unterzeichner um Auskunft, ob ein Einsatz einer Dipl.-Philosophin im MfS möglich wäre... Die W. erklärte sich bereit, das Gespräch mit Unterzeichner zu einem geeigneten Zeitpunkt fortzusetzen.

Löffler, Leutnant"

Soviel zu den Mechanismen ideologischer Disziplinierung an Universitäten der DDR. Und zu den Wurzeln der Partei mit dem irreführenden Namen und dem schicken Demagogen an der Spitze.
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