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 Zu den Mechanismen ideologischer Disziplinierung an DDR-Universitäten

Vorbemerkung | I. Hintergrund: die Universitätsstadt Jena | II. Die Sektion Marxistisch-Leninistische-Philosophie der... | III. Gesinnungverbrechen zum ersten - Aufspüren: Äußer... | IV. Gesinnungsverbrechen zum zweiten: "Aussprache", schri... | V. Gesinnungsverbrechen zum dritten: Disziplinarausschuß... | VI. Nachbearbeitung durch SED&MfS | Quellen

II. Die Sektion Marxistisch-Leninistische-Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Auch eine geschlossene Gesellschaft ist nie so homogen, wie es ihre Hüter anstreben. So war es nicht völlig gleich, an welcher Universität man einen Studienplatz zugeteilt bekam, und hier wiederum war es auch nicht unwichtig, an welcher Sektion man landete. Die Sektion Marxistisch-Leninistische-Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena war jedoch besonders schlimm. Natürlich verfügen wir hierzu über keine sozialwissenschaftlichen Daten, aber der Ruf der entsprechenden Sektion in Dresden z.B. war besser.

Im Herbstsemester 1975/76 begann ich ein Philosophiestudium in Jena, wurde sofort in ideologische Auseinandersetzungen verwickelt, vor der FDJ-Versammlung zur Rede gestellt und sollte zwangsexmatrikuliert werden. Eberhard Stein, der selbst in Jena bis 1975 Philosophie studiert hatte, später in Ilmenau als Dozent arbeitete, rausflog, überwinterte und 1989/90 als Vorsitzender des Neuen Forums Jena wieder auftauchte, hatte im März 1976 kurz vor meinem Rausschmiß geschrieben:

"Was jetzt passiert oder noch passieren wird, ist die Parodie der Demokratie. Am bemerkenswertesten sind hierbei die hysterischen Auftritte von Dr. W. Berg, aber das weißt Du ja längst alles. Enttäuscht bin ich von Dr. M. Höfer. Wer an dieser Sektion politisch bestehen will, muß auf dem Bauch kriechen. Ich selbst tat es leider nicht schlecht genug. Alles Gute! Hab viel Kraft! Eberhard.
P.S.: Grüße auch von Robert und Jürgen (Havemann und Fuchs - S.R.)".

Mit dem Hinweis, bei "Aussprachen", Versammlungen, Exmatrikulationsverfahren handele es sich um "die Parodie der Demokratie", war dem jungen Absolventen der marxistischen Philosophie Stein eine erstaunliche Einsicht in das Wesen moderner Diktaturen gelungen, nämlich ihr Bedürfnis nach Scheindemokratie. Und kurz darauf schrieb er, in die europäische Geschichte rückblickend:
"Manchmal schien es mir, als seien die betreffenden Teile der 21. und 22. Etage des UHH (Unihochhaus - S.R.) die heiligen Hallen einer Priesterlehranstalt, wo man einen selten feinen Instinkt für die Existenz eigenständiger Meinungen und Gedanken hat und die Glocken Sturm läuten, wenn es nach Pech und Schwefel riecht. Berg ist der Prototyp eines Jesuiten, aber einer von der billigen Sorte, denn man muß in Rechnung stellen, daß die katholische Kirche durchaus Kultur besaß."
Dr. Berg, stellvertretender Direktor für Erziehung, Aus- und Weiterbildung der Sektion Philosophie war einer der Hauptinqusitoren in meinem Fall. Wir werden ihn noch ein wenig kennenlernen. Für Menschen aus der ersten Welt, aus der offenen Gesellschaft, muß es lächerlich und unbegreiflich wirken, wie auf freche, junge Spatzen mit gewaltigen Ideologie-Kanonen geschossen wurde. Man muß sich jedoch klar machen, daß die DDR weder durch wirtschaftlichen Erfolg, noch durch nationale Identität oder gar demokratische Willensbildung legitimiert war. Kommunistische Regime waren quasitheokratische Staaten, basierend einzig auf einer quasi-religiösen, ideologischen "Weltanschauung". Ein Angriff auf die Dogmen war deshalb immer schon ein Angriff auf die Macht. Nicht nur Reformer hatten recht, wenn sie auf Demokratisierung drängten, auch die Betonköpfe lagen nicht völlig falsch, wenn sie in dieser den Anfang vom Ende des (ihres) Realen Sozialismus sahen. Reformverweigerung mußte aber eben auch zum Untergang führen. Dieses Dilemma erklärt die Hysterie, mit der marxistisch-leninistische Philosophen ihr Wächteramt ausübten.
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