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 Zu den Mechanismen ideologischer Disziplinierung an DDR-Universitäten

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Vorbemerkung
Zu den Mechanismen ideologischer Disziplinierung an DDR-Universitäten

Von Siegfried Reiprich

(Veröffentlich in: Forum, Zeitzeugen berichten. Deutscher Hochschulverband Heft 67, März 1999)


Wer von "Mechanismen" redet, verwendet eine unvollkommene und irreführende Metapher, wenn es um das Handeln von mit Willensfreiheit begabten Menschen geht. Allerdings sind Bürokratien Kollektive, welche mechanistisch, also oft unmenschlich, nach abstrakten Mustern handeln. Deren Logik in Frage zu stellen oder gar zu durchbrechen, ist für den Einzelnen zumeist gefährlich und teuer. Bürokratien - und damit soll nicht die Notwendigkeit rationaler Informationsverarbeitung und Entscheidung geleugnet werden - wurzeln in einer rationalistischen Anmaßung: man meint, alles im Griff zu haben, wenn man für alles ein Referat hat. Dies gilt insbesondere für den gar nicht so endgültig untergegangenen Marxismus-Leninismus. Auch deshalb wird hier von "Mechanismen ideologischer Disziplinierung" gesprochen. Die französische Göttin der Vernunft hat nun die Mühen kommunistischer Ebenen hinter sich und durchwatet andere Sümpfe.

In den Jahren 1975 bis 1978 war eine Phalanx regimekritischer Studenten aus den heiligen Hallen der altehrwürdigen Friedrich-Schiller-Universität Jena vertrieben worden: im Juni 1975 Jürgen Fuchs (Psychologie), März ‘76 Siegfried Reiprich (Philosophie), im Februar ‘77 Roland Jahn (Wirtschaft), März ‘77 Lutz Rathenow (Geschichte), 1978 Olaf Weißbach (Philosophie) und andere. Bei den Genannten handelte es sich um junge Männer, die ausnahmslos gleichzeitig oder später von der SED und ihrer politischen Geheimpolizei als "Feinde" in Operativen Vorgängen (OV) bespitzelt, "feindbearbeitet", "verunsichert", "zurückgedrängt" und "zersetzt" wurden, die überwacht, verhaftet, und/oder ausgebürgert wurden. "Bestrafe einen, erziehe Hunderte", hätte das Motto der kommunistischen Herren der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) und ihrer "Genossen an der unsichtbaren Front" lauten können (allerding war Mao unlängst aus der Mode gekommen). Das "Hinabstoßen in die Herrschende Klasse" (W. Biermann), d.h. Ausschluß vom Studium und "Bewährung in der Produktion", war eine oft wirksame Strafe (wenn sie auch in unseren Fällen nicht die erwünschte Wirkung zeigte). Denn kein soziales Schicksal im Arbeiter- und Bauernparadies war härter, als das der wirklich Arbeitenden.

Bemerkenswert ist, daß all dies zu einem Zeitpunkt geschah, als der SED-Staat auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt war. Breschnew hatte in Helsinki die Kriegsbeute des Sowjetimperiums scheinbar endgültig gesichert. Es erfolgten neue technologische Inputs aus dem Westen im Rahmen der Entspannung. Man hatte einen geringen Preis in Form vager Zusicherungen bezüglich von Menschenrechten bezahlt. Aber an westlichen Universitäten setzte der Marxismus seinen Siegeszug fort. Die DDR durchbrach die diplomatische Isolierung, wurde international anerkannt. Und dennoch. Mitte der 70er Jahre erkannten junge, sensible Leute, daß etwas faul war im Staate Sozialismus. Und wurden von den SED-Göttern automatisch abgestraft. Die aber waren doch nur Menschen und "die Menschen führen ihr Schicksal herbei, indem sie es abzuwenden trachten". Auf diesen Grundsatz der griechischen Tragödie hatte einer unserer geistigen Väter, Professor Robert Havemann, immer hingewiesen.

Die eigene politische Exmatrikulation ist in meinem Buch "Der verhinderte Dialog" bereits ausführlich dargestellt. Hier soll deshalb die Betrachtung der Mechanismen im Vordergrund stehen und auch auf unveröffentlichte Dokumente eingegangen werden.
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